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Dear FutureMe,
hier bin ich wieder. Nur zwei Jahre später, vermutlich zwei Jahre, in denen sich mein Leben um 180 Grad verändert hat. Gut, wahrscheinlich übertreibe ich, 90. Gestern Abend habe ich 2 Briefe von dir - mir- erhalten, und mir ist dabei aufgefallen dass ich mit 14 und 15 Jahren so fokussiert war auf das irgendwann. Ich habe nur fragen gestellt, wie ich irgendwann aussehe, wenn ich irgendwann liebe, wie es meinem Umfeld geht, ob ich weiterhin in der Schule bin, aber was ich damals gedacht und gefühlt habe habe ich nicht wirklich preisgegeben. Deswegen möchte ich das in diesem Brief anders machen, also mach dich wohl auf einen etwas längeren Brocken bereit. Aktuell bin ich 17, in etwa 4 Monaten bin ich erwachsen. ...Zumindest auf Papier. Ich habe das Gefühl dass alles an mir vorbei zieht, dass die Menschen um mich herum älter werden, reifer werden, in meinem Kopf aber weiterhin dieses Kind ist, was nicht so wirklich abschliessen konnte und deswegen immer noch in allem hilflos und aber auch ahnungslos ist. In 4 Monaten habe ich mein Abitur in der Hand, und danach? Ich weiß nicht was ich machen werde. Ich habe für mich, wahrscheinlich oder womöglich auch leider unter Einfluss meiner Eltern, beschlossen dass ich direkt danach ein Studium angehen werde. Und ich freue mich. Ehrlich! Die Studienzeit, mehr in der Stadt zu sein, mich selber Studentin bezeichnen zu können, neue Leute kennenzulernen... es klingt alles aufregend. Aber die Wahl, schon jetzt eine Entscheidung zu treffen die meine Zukunft in einem Riesen Ausmaß definiert, macht mir wirklich Angst. Ich bin ehrlich mit dir, so genau habe ich mich noch nicht mit dem ganzen auseinandergesetzt. Ich nenne dir einfach mal die Studiengänge, die ich aktuell ein bisschen im Auge habe, vielleicht ist es ja ganz interessant für dich zu sehen, ob ich schon in die richtige Richtung gehe ;). Im Visier habe ich aktuell das Ingenieurswesen, vor allem das Wirtschaftsingenieurs studium, ansonsten vielleicht das Lehramt, allgemein was in Richtung Wirtschaft, oder vielleicht doch MINT, zum Beispiel Biochemie? Ich muss ehrlich sein, dass ich doch großen Wert auf späteren Wohlstand setze, heisst, einfach keine finanziellen Schwierigkeiten zu haben. Ich denke, wenn es um meine Interessen gehen würde, würde ich definitiv mehr in die kreative Richtung einschlagen, beispielsweise die Regie oder Architektur, aber vielleicht ist es dir ja irgendwie gelungen, das ein bisschen zu vereinbaren.
Wenn ich ehrlich bin macht mir der Gedanke daran, dass in wenigen Wochen alles vorbei ist sehr viel Angst. Nein, Angst ist das falsche Wort hierbei, es macht mich sehr traurig. Unendlich traurig sogar, wenn ich länger darüber nachdenke. Die Schulzeit verbinde ich mit etwas wirklich positivem, es ist der Ort an dem ich einen Großteil meines Lebens verbracht habe und der Ort in dem ich fast alle meine Freunde kennenlernen durfte. Der Gedanke, dass ich bald dieses Kapitel, das bisher wohl größte, abschließe, macht mich traurig. Es zeigt mir auch, dass ein Abschnitt meines Lebens vorüber ist, wie du weisst, habe ich, oder eigentlich wir, große Angst vor dem Tod, und dem Ende. Das war schon immer so. Ich denke ich renne in vielen Bereichen vor dem Ende weg, ich hoffe du konntest für dich realisieren, dass ein Ende auch was schönes bedeuten kann.
Ich habe auch Angst davor, dass ich meine Kontakte, meine Freunde, aus den Augen verlieren werde. Marion meinte letztens, er weiß dass er mit den wahren, richtigen Freunden, die ihm wichtig sind, weiterhin in Kontakt stehen wird, und irgendwo hat er ja auch schon recht. Aber jetzt nach der Schule gibt es so unendlich Freiraum, jeder kann ein Jahr abhauen, ans andere Ende vom Land ziehen, oder einfach mit dem Leben fortführen und sich dann eher auf andere Dinge fokussieren. Und wollen wir uns nicht anlügen, ich denke das Kapitel Schule wird in meiner Erinnerung auch bestimmte Menschen beinhalten, die als Teil dieser Geschichte, aber nicht meines Lebens vorhergesagt waren. Ich hoffe du bist glücklich mit dem Standpunkt, an dem du dich aktuell befindest, hast wahrscheinlich auch neue Menschen kennenlernen dürfen und hältst nicht mehr an der Vergangenheit fest, wie ich es aktuell tue.
In letzter Zeit habe ich immer mehr für mich realisiert, wie unglaublich gern und viel ich noch von der Welt sehen möchte. Ich habe so wahnsinnige Lust darauf, Orte zu erkunden, Leute kennenzulernen, und meine Jugend auszuleben. Nach dem Abitur fahre ich für 5 Tage nach Lloret de Mar, du weißt schon, klassischer Jugendlichenspot. Außerdem möchte ich diesen Sommer einen Roadtrip mit meiner Familie durch ganz Italien machen! Zum 3. Mal in Folge wäre außerdem ein Griechenland Urlaub mit dem Mädels in Planung, konnte sich diese inzwischen Tradition eigentlich aufrechterhalten? Außerdem würde ich gerne im Anfang vom Herbst noch etwas länger weg, ich habe in Erwägung gezogen, mit Ellen durch Nordspaniens Küste zu wandern! Ich habe auch noch vor, in den kommenden Jahren einen Freiwilligen Dienst zu machen, vielleicht in Südafrika, oder sonst wo, ist daraus etwas geworden? Ich hoffe, in dir ist ein kleines Feuer entfacht, welches gerne andere Kulturen entdeckt, vielleicht zum Beispiel auch Thailand! Ich hoffe ausserdem, dass wir ein bisschen aus unserem Schatten springen, und sogar dazu bereit wären, mal alleine wohin zu reisen?
Ich hoffe in unserer Familie ist alles gut. Mama und Papa sind glücklich und vor allem auch glücklich miteinander. Ich hoffe Papa ist glücklich, nicht so oft in Gedanken und deprimiert, ich hoffe Mama sorgt sich nicht mehr so oft und öffnet sich mehr. Ich hoffe Loukas kriegt seine Probleme in den Griff und schafft es, dir gegenüber ein besserer Bruder zu sein, du in gewissen Bereichen vielleicht auch eine bessere Schwester.
Ich hoffe, du hast noch das selbe Verhältnis zu deinen besten Freunden. Gut klar, es wird ein anderes sein, ihr seid nun erwachsen, älter, reifer, in einer anderen Lebenssituation, aber ich hoffe die Verbindung stimmt immer noch. Ich hoffe du schaffst es, ihnen, Mili, Lala, Con, Ellen und wer weiss noch wer, öfters und besser zu zeigen, wie wichtig die dir eigentlich sind. Ich hoffe, du verstehst nun besser, welche Worte angebracht sind, welche Worte Schaden anrichten können.
Ich bin zur Zeit so, so müde. Gerade schon wieder. Ich schlafe lange, ich gehe früh schlafen, ich bin müde. Früher war ich sehr energiereich, mir viel es schwer den Tag abzuschließen, inzwischen warte ich teilweise sogar darauf, dass er vorbei ist. Und auch das ist eine Sache, die mir Angst hat. Ich möchte freien Tisch machen: Manchmal denke ich, es stimmt irgendwas nicht mit mir. Dieses Gefühl habe ich schon seit Jahren, das ist nichts neues. Wenn ich mich mit meinen anderen Freundinnen vergleiche, merke ich, dass ich nicht ganz wie sie ticke. Ich rede mehr, ich bin lauter, ich bin nicht ganz so feminin in meinen Verhaltensweisen, und irgendwie kann ich das nicht akzeptieren. Einerseits frage ich mich, ob ich womöglich Adhs oder so habe, dann Wiederrum frage ich mich wieso ich so viel nichts mache. Ich komme nachhause, und mache nichts. Jeden Tag. Ich habe absolut keine Motivation, Lust, keine Interessen mehr. Ich liege, ich sitze, ich scrolle, ich schaue, aber mehr auch nicht. Und das, obwohl ich mir sehr wohl bewusst bin, dass ich nur einmal lebe, dass das gerade Zeit ist, die ich verschwende und verliere, und trotzdem schaffe ich es nicht, mich zu ändern. Das sind die anderen Momente, wo ich glaube, dass irgendwas nicht mit mir stimmt, dass ich vielleicht Depressionen oder so habe? Ich wünsche mir so sehr, dass du, ich, wir es auf die Reihe bekommen, mehr im Jetzt zu leben, mehr zu Unternehmen, mehr zu lachen, mehr zu weinen, mehr zu fühlen.
Ich hoffe auch, dass ich mir selber treuer werde. Ich bin so fokussiert auf die Meinung der anderen, ich habe ein völlig verzerrtes Bild von mir kreiert, eines, dass gut mit Aussagen umgehen kann, mutig, extrovertiert, selbstbewusst ist. Aber eigentlich ist das nicht so. Eigentlich bin ich wahnsinnig auf das Bild konzentriert, dass ich den anderen von mir vermittele. Ich ändere mein Verhalten angepasst auf jede Person, um ihr am besten zu gefallen, ich möchte die ideale, lustige nette Freundin, Person für jeden darstellen, irgendwo auch einfach akzeptiert werden. Ich lasse keine Gefühle völlig zu, mir fällt es schwer mich echt auszudrücken, ich setze gerne eine kühle Maske auf, und das sogar, wenn ich ganz alleine bin. Ich hoffe, du bist dir selber treu geworden. Ich hoffe, du lachst, wenn du etwas lustig findest und es dich glücklich macht, ohne dein Lächeln mit den Händen zu verdecken. Ich hoffe du gestehst, wenn du nicht zustimmst, wenn du eine andere Vorstellung hast. Ich hoffe du weinst, lässt alles raus, wenn dich etwas traurig, wütend, glücklich macht. Ich hoffe du schaust in den Spiegel, nicht so exzessiv oft, und siehst einfach nur deine Person, siehst keine kleinen Kurven, irgendwelche scheinbaren Makel. Ich hoffe, du realisiert, dass du vielleicht doch genauso wie du es bist, genug bist, vor allem auch für andere Menschen. Ich hoffe, du merkst, dass du es auch verdient hast, geliebt zu werden, dass du es zulässt und akzeptierst, dass es Menschen geben wird, die genau deine Art wie sie es ist, lieben. Ich hoffe du realisierst, das nicht alles ein Wettbewerb ist, dass der Sternenhimmel und die Blumenwiese völlig unterschieden und doch beide schön sind. Ich hoffe, dass du mit viel Freude auf deine kommenden 20iger schaust und du dein bestes gibst, jeden einzelnen Tag zu leben. DU kannst sein wer auch immer du bist. DU musst nicht wie jeder andere reden, lachen, aussehen. Menschen lieben dich für dich, es ist viel zu schade dieses eine Leben aus Perspektive einer erschaffenen Persönlichkeit zu betrachten.
Deine 17 Jährige Nati :)
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